Das muss ein Ende haben.

Eigentlich habe ich keine guten Vorsätze, die ich an Silvester fasse und dann einen Monat später wieder verwerfe. Dieses Jahr ist das aber anders. Ich will mein Mama-Ich ändern. Grundlegend. Um nicht das Mama-Ich meiner Mutter zu werden. Das ich meine ganze Kindheit und darüber hinaus verabscheut habe und welches auch nicht ganz unschuldig daran ist, dass ihr Tod kein tragisches Trauerjahr in mir ausgelöst hat.

Ich habe Anfang 2016 beschlossen, die Kinder nicht mehr anzubrüllen. Auslöser war der erste Morgen, an dem es wieder zur Arbeit und für die Kinder in die Kita ging. Das Osterkind wollte sich – wie schon seit einiger Zeit – mal wieder nicht anziehen lassen. Sie trödelte, zoge ihr Frühstück in die Länge, um dann immer wieder vor mir wegzulaufen. Ich gehe dann immer einfach schon mal zur Tür, ziehe den Prinz und mich an und spätestens dann kommt sie und will dann doch mit. Es war mal wieder viel zu spät als sie sich entschloss, sich doch anziehen zu lassen. Und eigentlich war schon alles gegessen, als ich sie dann eben doch anschrie. Ich brüllte, dass mich dieses Hin und Her unmäßig nervt und sie – weinte. Natürlich. Kleine Ohren sind für Erwachsenengeschrei nicht gemacht. Wer weiß das besser als ich?! Sofort wurde mir klar, wie dämlich diese Reaktion gerade von mir war. Ich entschuldigte mich und dann sagte der Prinz einen sehr wahren Satz: „Du musst jetzt aber auch endlich mal lernen nicht mehr zu schreien.“ So wie wir die Kinder immer wieder darauf hinweisen, dass sie bestimmte Dinge langsam mal allein machen sollen/ müssen, so muss ich auch etwas lernen.

Direkt nach dem Brüllen tut es mir immer unendlich leid. Aber während mich die Kinder durch ihr Verhalten (was völlig okay, aber eben für mich unpassend ist) zur Weißglut treiben, spielen sich in meinem Kopf die Szenarien meiner Kindheit ab. Und da lernte ich nur: Zuerst wird geschrien. Dann wird geschlagen. Und so kommt es, dass ich ab einem bestimmten Grad meiner Gereiztheit den Kindern in meinem Kopf eine Ohrfeige gebe. Spätestens dann werde ich „wach“, verlasse den Raum und schäme mich für mich selbst. Und deshalb muss das jetzt ein Ende haben. Ich will nicht so werden wie meine Mutter. Nicht in dieser Beziehung.

Ich rede immer noch laut und deutlich mit den Kindern, wenn mir etwas nicht passt. Sie müssen schließlich auch lernen, dass andere Menschen andere Bedürfnisse und Vorstellungen haben. Aber ich schreie nicht mehr. Das muss jetzt ein Ende haben. Denn wenn ich eins schon immer wusste: Ich will niemals so werden wie meine Mutter. Und ich will nicht, dass meine Kinder sowas später auch sagen.

Jahresrückblick 2015

Januar

Das Jahr begann damit, dass meine Mutter wieder im Krankenhaus landete und es sich abzeichnete, dass sie es nicht mehr lebend verlässt. Die Hoffnung stirbt aber zuletzt und so fuhren wir Mitte Januar noch einmal mit den Kindern hin, um ihren Lebenswillen zu wecken. Ende Januar kam dann der Anruf: Kommen Sie sofort! Es war zu spät. Wir waren Vollwaisen.

Februar

Der Tod meiner Mutter nimmt mich emotional echt mit. Ich kann nicht weinen, aber auch nicht richtig schlafen oder mich auch nur konzentrieren. Das Leben mit den Kindern macht die Sache leichter, weil man sieht, wofür man da ist. Außerdem hatte ich bereits die Chance „Trauer um einen Elternteil“ zu üben. Ende des Monats erfolgt ihre Beerdigung, danach konnte ich abschließen.

März

Das Leben geht weiter. Vor allem mit Kindern. Das Osterkind wird 2 und wir feiern mit der Familie, während draußen ein ordentlicher Frühjahrsstrum tobt.

April

Ostern verbringen wir bei der Familie und genießen die ruhigen Tage. Wir bekommen die Zusage für zwei Kindergartenplätze für den Prinz und entscheiden uns, beide Kinder in eine neue Einrichtung zu geben. Zuerst macht es uns Bauchschmerzen, aber das ändert sich bald.

Mai

Anfang Mai fahre ich drei Tage nach Berlin auf Dienstreise. Das Osterkind verbringt die Nächte ohne Stillen bei ihrem Papa. Stört sie nicht wirklich, gestillt wird nach den drei Tagen aber trotzdem unbeirrt weiter. Mitte des Monats fahren wir zusammen mit meinem Bruder zwei Wochen an die Nordsee. Wir genießen die Ruhe, den Wind und die Familienzeit. Das ist unser Jahresurlaub.

Juni

Auf der Arbeit bekommen wir einen neuen Kantinenbetreiber und ich beginne das Essen jeden Tag zu fotografieren. Die Kollegen schütteln darüber nur den Kopf, aber die verstehen diese Internetsachen sowieso nie.

Juli

Der letzte Monat der Kinder in der „alten Kita“ ist angebrochen. Das Osterkind wird auch die Krippe verlassen und mit dem Prinz zusammen in die neue Einrichtung gehen. Der Abschied fällt schwer, aber da „unsere“ Erzieher auch alle gehen, ist es nicht allzu schlimm.

August

Einen halben Monat sind sowohl der Mann und ich mit den Kindern zu Hause, weil die neue Kita erstmal zwei Wochen Schließzeit hat. Der Urlaub tut uns allen gut, auch wenn es für uns Eltern echt schmerzt, fünf Wochen (danach ist ja noch Eingewöhnung) des Jahresurlaubs „opfern“ zu müssen.

September

Das Osterkind fühlt sich in der neuen Kita ziemlich wohl und macht die Eingewöhnung im Vorbeigehen. Der Prinz liebt seine neuen Erzieherinnen und genießt es nun zu den Großen zu gehören. Wir haben jetzt ein großes Kindergartenkind, welches nur noch nachts eine Windel braucht! Leider verstirbt auch noch unser Häschen. Sie war für ein Kaninchen in einem guten Alter und musste auch nicht leiden, aber traurig ist sowas ja immer. Die Kinder nehmen es sehr gut auf und wir erklären nochmal das Konzept „für immer weg“.

Oktober

Ich mache den Stadtbahnführerschein und muss mich an Arbeitszeiten von 7-15.30 Uhr gewöhnen. Das ist so gar nicht meins! Der Mann bringt dafür morgens die Kinder in die Kita und bleibt mit ihnen anstandslos zu Hause, wenn sie krank sind. Am 29. Oktober bestehe ich die Fahrprüfung und wir feiern den vierten Geburtstag des Prinzen! Unglaublich!

November

Mitte November besuche ich mit meiner Freundin das Konzert von „Michael Patrick Kelly“ und ja, ich bin immer noch schrecklich verliebt. Hihi.

Dezember

Der Dezember vergeht mal wieder viel zu schnell, obwohl ich die Weihnachtsgeschenke früh zusammen und daher wenig Weihnachtsstress habe. Leider ereilt unsere Familie noch ein Todesfall, der aber auch eine Erlösung für den Betroffenen bedeutete. Weihnachten feiern wir bei meiner Nichte und die Kinderaugen strahlen, als der Weihnachtsmann vorbei kommt. Am 30. heiratet die Lieblingsnichte noch schnell ihren Freund und wir feiern eine rauschende, kleine Party.

Fazit: Dieses Jahr hatte emotional alles zu bieten, was so ging. Meine Kollegin zitierte ihre Mutter, die einmal meinte, man sei kein Kind mehr, wenn die eignenen Eltern tot sind. Ich bin also seit 2015 offiziell kein Kind mehr. Dafür habe ich aber auch gelernt, wie wichtig Familie ist und dass der Tod nicht immer die übelste Wahl ist. Manchmal ist er einfach nur die Erlösung und die gönne ich jedem.

Ich wünsche jeden von euch so viel Liebe, wie ich sie 2015 erleben durfte. Hoffe aber, dass wir in Bezug auf die Todesfälle nächstes Jahr eine Pause machen können.

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An der Nordseeküste

Die vergangenen zwei Wochen verbrachten wir an der Nordseeküste. Weil da das Internet aber quasi nicht vorhanden war, muss ich das bloggen über diese tollen Tage jetzt eben nachholen.

Wir verbrachten 12 Tage in einem Ferienhaus an der Nordsee, welches zwar kein WLAN, aber dafür eine Waschmaschine hatte. Nachdem mir bewusst wurde, dass hinterm Deich leider nur edge vorhanden und wir LTE maximal direkt an der Küste haben, verfluchte ich kurz die Wahl des Ferienhauses. Wir hätten auch eins mit WLAN haben können. Im Laufe des Urlaubs stellte sich jedoch heraus: Mit Kindern schlägt eine Waschmaschine alles. Ja, auch WLAN.

Das Wetter war eher durchwachsen. Meer halt. Wir hatten Wind. Wir hatten Sturm. Es gab Regen von oben und von der Seite. Und es gab Sonne. Und es gab sowas dazwischen. Letztendlich gilt aber – vor allem am Meer – die Devise: Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur unpassende Kleidung.

Und so erkundeten wir bei Wind und Wetter die Gegend. Der Prinz meist auf seinem Laufrad. Es ist unglaublich, wie viele Kilometer das Kind in diesem Urlaub auf dem Laufrad zurück gelegt hat! Einfach der Wahnsinn!

Direkt am Meer fanden wir dann auch den tollsten Spielplatz der Welt. Ein Piratenschiff!EINSELF! Und so kam es, dass wir dieses bei passendem Wetter immer und immer wieder aufsuchten.

Bei Regen und Sturm, also wenn man mit Kindern wirklich nicht draußen rumlaufen kann, bot sich uns eine tolle Alternative. Im „Kinderspielhaus“ gab es alles, was die Kleinen so glücklich macht. Leider war das Bällebad nur für Kinder bis 6 Jahre – Mama durfte also nicht mit rein. Hachjanun.

Natürlich gingen wir auch immer wieder ins Watt. Eine richtige Wattwanderung haben wir zwar nicht gemacht, aber man kann ja auch allein nach Wattwürmern, Muscheln und Krebsen graben.

Auf dem Weg vom Ferienhaus zum Meer trafen wir des öfteren auch einen Schwan. Und eine Entenfamilie mit sechs Kindern. Großes Kino fürs Osterkind!

Wir genossen die Zeit am Meer sehr. Und wie genossen die gemeinsame Zeit sehr. Das schönste am Urlaub war eben auch, dass ich den Hauptfreund und die Kinder (und den Lieblingsbruder natürlich) um mich herum hatte. 💕

 

Muttertag 2015

Der Tag begann damit, dass das Osterkind pünktlich um 6 Uhr wach im Bett saß. Nachdem sie so ca. 30 Minuten nuckelte, denn Stillen war das wirklich nicht, und ich mich weigerte, dieses Spielchen weiter zu spielen, entschied sie sich fürs Aufstehen. Da wir die Nacht zu viert im Elternbett äh Familienbett verbracht hatten, war kurze Zeit später natürlich auch der Prinz und der Rest der Familie wach.

Der Prinz hatte die Augen kaum aufgemacht, als er auch schon aus dem Schlafzimmer stürzte, um meine Muttertagsüberraschung zu holen. In der Kinderkrippe hatten sie Plätzchen gebacken und liebevoll mit Herzchen verziehrt. Vom Osterkind bekam ich einen kleinen selbstbemalten Tontopf mit Kresse.

  

 Und von beiden (in Zusammenarbeit mit dem Mann) dann noch Blumen.

 

Den Tag ließen wir dann ganz ruhig angehen. Die Kinder und der Mann backten mir noch einen Kuchen (den wir am Nachmittag gemeinsam verspeisten) und wir genossen das tolle Wetter. Dieses hatten wir übrigens dem Osterkind zu verdanken, denn sie sang heute Vormittag sehr beharrlich „Liebe Sonne scheine“, obwohl es danach so gar nicht aussah.

Ich genoss den Familientag jedenfalls sehr. Nachdem ich letzten Woche von Montag- bis Donnerstagabend in Berlin auf der re:publica weilte und auch am Freitag erst spät aus dem Büro kam, war es toll endlich meine Lieben den ganzen Tag um mich herum zu haben.

Und so wurde der erste Muttertag, den ich ohne eigene Mutter beging, doch noch ganz schön. Auch wenn ich mehrfach nach dem Telefonhörer greifen und sie anrufen wollte.

Geträumt.

Vor zwei Nächten träumte ich, ich halte eine Neugeborenes im Arm. Ich machte „oh“ und „ah“ und „gnihihi“. Und dann dachte ich an die Nächte. An die Zähne. Und mein Kopf sagte: Schön, dass es nicht deins ist.

Ich glaube, mein Kopf und mein Bauch einigen sich gerade. Zwei gesunde, tolle Kinder sind mehr als genug. Und wir sind glücklich so wie es ist.

Der Besuch der Schnullerfee

Der Prinz hat vor drei Tagen einen großen Schritt in Richtung „großer Junge“ gemacht, denn am Donnerstag besuchte uns die Schnullerfee. Und seitdem ist mein Sohn schnullerfrei. Juhu! Aber der Reihe nach…

Über das Konzept „Schnullerfee“ sprachen wir mit ihm schon seit einigen Monaten. Immer mal wieder ließen wir das Thema anklingen und sagten ihm, dass große Jungs eben auch keine Nuckel mehr bräuchten. Bisher war der Sohn davon immer sehr unbeeindruckt und wir merkten auch, dass er ihn ab und an auch noch brauchte. Seit Weihnachten entging uns jedoch nicht, dass der Schnuller eben kein „Must have“ mehr war. Oft wurde nur aus Langweile danach gefragt, ja manchmal wurde er sogar ganz vergessen! In der Krippe war der Prinz schon seit Oktober schnullerfrei – und machte trotzdem Mittagsschlaf. Es ging also, wenn er wollte.

Letztes Wochenende nutzte der Mann dann die Gunst der Stunde und fragte beim Spielzeugladenbesuch, was denn die Schnullerfee im Tausch mitbringen soll. Und die Wahl fiel auf das „Lego Duplo Eisenbahn Super Set“. Mit Brücken! Und Zug! Und Kran! Hach!

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Das ganze gibt es bei Amazonien für schlappe 100 Euro – autsch! Aber der Verlust des Noopies ist für den Prinz nicht leicht, also muss auch der Geldbeutel der Eltern etwas leiden. Ich checke also letzte Woche mal e*bay Kleinanzeigen und machte promt ein Schnäppchen. 75 Euro für ein nagelneues Eisenbahnset, damit könnten wir leben. Und der Prinz entschied, dass gleich „Morgen!“ die Schnullerfee kommen soll.

Am Donnerstag packten wir also, bevor wir das Haus Richtung Kita verließen, alle Schnuller in eine kleine Kiste und verabschiedeten uns.

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Ich brachte die Kinder ins Auto und rannte noch einmal nach oben, um die Schnuller zu entfernen und das Geschenk zu deponieren. Und tada – während wir arbeiten/ in der Krippe waren, besuchte uns die Schnullerfee. Die Augen des Prinzen leuchteten gar sehr und als ich später nach Hause kam, empfing mich ein sehr glücklicher kleiner Junge, der mir als allererstes seine neue Bahn zeigen musste.

Der erste Abend war schlimm. Es gab Tränen und die Aufforderung neue Nuckel zu kaufen. Völlig erschöpft schlief der Prinz schließlich ein und wachte nachts natürlich weinend auf. Zudem beendete er die Nacht um 5, was den nächsten Tag nicht besser starten lies. Seitdem ist aber alles gut. Er schläft durch und abends auch viel besser ein. An und zu kommt einmal das Schmatzen, welches sein Zeichen für „Noopie, bitte“ war. Aber dann erklären wir, dass dieser ja nun weg ist und er dafür eine neue Bahn bekommen hat. Unser Wohnzimmer liegt voller Schienen und der Sohn spielte das ganze Wochenende selig vor sich hin.

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Heute Morgen jedoch, griff er ganz allein zum Telefon und rief die Schnullerfee an. Er sagte, sie solle seinen Nuckel zurück bringen. Auf die Frage, was sie im Tausch dann mitnehmen dürfe, kam ganz cool: „Den Papa.“ Aber eigentlich kokettiert er jetzt nur noch damit. Der Schnuller ist seit dem 5.3.2015 Geschichte.

Wie erklärte ich den Tod?

Der Sonntagmorgen gestern begann mit der Frage des Prinzen, ob wir nicht Omi anrufen könnten. Und zack, das war er wieder. Der Holzhammer. Wie erkläre ich meinem Dreijährigen, dass wir die Omi nie wieder anrufen werden? Weil sie nicht mehr da ist?

Ich habe darüber nachgedacht, ein Buch zu kaufen und anhand dessen den Kindern das Thema „Tod“ näher zu bringen. Aber ich glaube, dass sie das Konzept „Tod“ noch nicht fassen können. Es kommt ja nicht aus ihnen heraus. Es ist nicht die Neugier, die sie fragen lässt, was Tod eigentlich heißt. Der vierjährige Sohn meiner Nichte ist da schon weiter. Er schnappt das auf und thematisiert das ganz anders. Er fragt und erzählt von sich aus, dass seine Uromi tot ist. Der Prinz aber spricht da nicht drüber. Eben auch, weil Omi 300 km weit weg wohnte und somit nicht täglicher Bestandteil unseres Alltags war. Ich will ihm keine Geschichten über den Tod erzählen, wenn das Thema nicht aus ihm heraus kommt. Ich will ihm nicht theoretisch erklären, dass da im Haus von Omi jetzt keiner mehr wohnt. Und Omi bald unter der Erde liegt.

Natürlich beantworte ich seine Fragen, erkläre, dass wir nicht mehr bei Omi anrufen können. Dass Omi krank war, so krank, dass sie gestorben ist. Dass sie nun nicht mehr da ist und wir sie nicht mehr besuchen können. Aber ob das reicht? Ob diese simplen Sätze die ganze Tragweite erklären können? Ich weiß es nicht. Aber es muss reichen. Vorerst. Ein anderer Weg fühlt sich gerade falsch an.

Das Ende.

Sie sagte immer, sie stirbt nicht. Niemals konnte man mit ihr über das Thema sprechen. Nicht darüber, was wir im Falle des Falles entscheiden sollen, nicht was danach passieren soll, nicht darüber, wie sie vorgesorgt hat. Sie stirbt nicht. Das war ihr Mantra.

Irgendwann wurden aber die Schmerzen stärker. Die Beschwerden schlimmer. Die Arztbesuche unausweichlich, obwohl sie sich lange dagegen sträubte. Sie kümmerte sich nicht um ihre Gesundheit. Ging viel zu spät zum Arzt. Traf Entscheidungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Am Ende entschied sie sich widerwillig für ihre letzte Option und als auch das nicht mehr half, entschied sie sich zu gehen. Und das ist die einzige Entscheidung, die ich ihr nicht übel nehmen kann. Alles davor weckt bei mir nur Kopfschütteln, aber den Wunsch zu sterben, den kann ich nachvollziehen. Und ich wünschte ihr, dass es schnell und friedlich geschieht.

Ihr ganzes Leben hat sie gearbeitet, sich nie etwas „für sich“ gegönnt. Sie hat fünf Kinder groß gezogen und ihre Mutter gepflegt. Sie hat einen Sohn und ihren Mann viel zu früh verloren. Sie war unfair und gemein. Aber sie konnte auch nett und lieb sein. Sie hat sich für uns aufgeopfert und mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Sie liebte ihre Enkel und Urenkel und vergaß nie einen Geburtstag. Ihrer wäre heute gewesen. Heute wäre sie 68 geworden.

Und während ich heute den ganzen Tag beruflich über Zukunft sprach, muss ich nun meine Vergangenheit beerdigen. Sie sagte immer, sie stirbt nicht. Sie hatte Unrecht.

Jahresrückblick 2014

Januar

Das Jahr beginnt mit der guten Nachricht aus Dezember 2013 – das Vorstellungsgespräch Ende Dezember war erfolgreich, sie wollen mich! Nachdem der Vertrag unterschrieben zurück an die neue Firma ging, schrieb ich endlich, endlich die Kündigung an meinen alten Arbeitgeber. Es fühlt sich noch heute soooo gut an! | Mit dem Prinz haben wir die Abschlussuntersuchung in der MHH, denn er ist nun korrigiert zwei Jahre alt. Er ist gesund und auf einem Entwicklungsstand von 23 Monaten. Besseres hätte man uns nicht sagen können. Steine fallen vom Herz. Wir sind glücklich. | Das Osterkind dreht sich mit 10 Monaten das erste Mal allein auf den Bauch und zeigt uns damit: Sie kann es doch.

Februar

Meine Elternzeit dauert nur noch acht Wochen an, das Osterkind und ich genießen unsere verbleibende Exklusiv-Zeit. | Der Mann verkündet bei seinem Arbeitgeber, dass er sechs Monate Elternzeit machen wird und naja, begeistert waren sie nicht wirklich.

März

So langsam wird es ernst, in vier Wochen sitze ich wieder an einem Schreibtisch und arbeite. | Das Osterkind denkt immer noch nicht ans Abstillen, was mich ein bisschen nervös macht. Wird sie verhungern, wenn ich acht Stunden am Tag arbeiten gehe oder muss der Hauptfreund sie zum Stillen ins Büro bringen? Wir versuchen es weiterhin mit BLW und hoffen das Beste. | Am 31. feiern wir des Osterkinds ersten Geburtstag und ich kann gar nicht glauben, dass mein Baby nun kein Baby mehr ist.

April

Mama arbeitet und Papa bleibt zu Hause. | Für die Kinder ist der Rollenwechsel erstmal komisch, aber beide genießen schnell die viele Zeit mit ihrem Papa. | Der Prinz geht weiter in die Krippe und das Osterkind schmeißt mit dem Hauptfreund den Haushalt. | Auch das mit dem Essen klappt plötzlich: Wenn ich nicht da bin, isst das Osterkind auch „normales“ Essen. Gestillt wird trotzdem sofort, wenn ich nach Hause komme. | Ich lerne neue Kollegen und eine neue Firma kennen und bin sehr glücklich über diese neue Wendung im Leben. | Da das Osterkind nun langsam wirklich aus der Babyschale herauswächst, machen wir uns über Neuwagen schlau und kaufen am Ende auch einen.

Mai

Die Kinder wachsen explosionsartig. | Der Prinz wird richtig groß und plappert immer mehr. | Das Osterkind und ihr Papa werden ein eingespieltes Team und mich beruhigt es umgemein. | Am Anfang besuchen wir die Konfirmation des Hauptfreund’schen Patenkindes und testen dabei gleich den Reboarder vom Osterkind. | Am Ende werde ich 30, darf das aber nicht mit einer Udo-Jürgens-mit-66-Jahren-Party feiern. Sagt der Hauptfreund. Feiern tun wir trotzdem mit Freunden und Familie. 30 werden ist gar nicht so schlimm.

Juni

Das neue Auto ist endlich da und wir freuen uns wie Bolle ob des Platzes und der zahlreichen neuen Türen. Vom VW Polo (3-Türer) zum Skoda Roomster ist ein Quantensprung! | Draußen wird es richtig warm und die Familie schickt mir Bilder, wie sie am Badesee sitzen und picknicken. | Das Osterkind krabbelt und erkundet so die Welt, ans Laufen denkt sie aber immer noch nicht. | Der Prinz fängt an mit seinem Laufrad zu fahren und beweist Mut an der Rutsche und am Klettergerüst.

Juli

Das Leben lebt sich so dahin. | Ich arbeite, der Mann genießt die Elternzeit. | Es ist toll zu sehen, wie sich das Osterkind langsam von mir löst und dafür ihren Papa mehr in ihr Leben lässt. Er macht das aber auch toll. | Der Prinz verblüfft uns mit seinem immer größeren Wortschatz und den logischen Zusammenhängen, die er mittlerweile erkennt.

August

Der Monat beginnt mit Hand-Mund-Fuß für die Kinder und mich. Zwei Wochen krank zu Hause, weil ansteckend. So richtig schlimm trifft es uns nicht, dennoch muss ich diese Erfahrung nicht noch einmal machen. | Der Prinz verblüfft uns im Straßenverkehr und erklärt an jeder Straße „Bordstein heißt Stoppstein“. | Das Osterkind fährt immer sicherer mit dem Wutsch, obwohl sie immer noch nicht selbstständig läuft.

September

Am 8. Setptember hat das Osterkind ihren ersten Tag in der Krippe. Ihr Papa macht gemeinsam mit ihr die Eingewöhnung. | Sie macht das ganz prima und will schon nach vier Tagen lieber dableiben als wieder mit nach Hause. | Der Prinz genießt es, seine Schwester bei sich zu haben und ruft im Krippenflur gern lautstark ihren Namen. | Am Ende des Monats übergeben der Mann und ich den Staffelstab: Ich habe zwei Wochen Urlaub, er geht ab Oktober wieder zur Arbeit.

Oktober

Ich beende die Eingewöhnung des Osterkindes in der Krippe, wobei es aber einen kleinen Rückschlag gibt. | Kurz vor knapp wird es wieder besser: Die Kinder kommen mit einer frühen Abgabe (gegen 8 Uhr) viel besser klar, weil da in der Krippe noch nicht so ein Trubel ist. Ich gehe also ab Mitte Oktober beruhigter zur Arbeit. | Der Prinz feiert seinen dritten Geburtstag. Zuerst mit der Familie, am Wochenende danach mit seinem besten Freund aus der Krippe. Ganz große Liebe ist das zwischen den Jungs. Hach.

November

Unser Alltag spielt sich immer mehr ein. Zwei Vollzeitjobs und zwei Kinder sind schon irgendwie hinzubekommen. | Das Mädelswochenende sage ich aber doch besser ab, denn das Osterkind stillt immer noch wie ein Weltmeister und braucht mich deshalb. | Ende des Monats hängen wir die 96-Weihnachtskalendertütchen an unsere Wohnzimmerlampe, welche am nächsten Morgen für strahlende Kinderaugen sorgen.

Dezember

Der Dezember beginnt womit der November endet: Das Osterkind ist krank und wir bleiben erstmal zu Hause. | Die Arbeit beim Mann und mir ist stressig, aber dennoch versuchen wir die Vorweihnachtszeit zu genießen. | Die Sorgen um meine Mutter trüben alles ein bisschen. Aber am Ende beweist sie uns wieder: Sie ist wie sie ist. | Viele Weihnachtsfeiern mit leckerem Essen. | Es ist ein gar großartiges Weihnachtsfest mit strahlenden Kinderaugen, viel Familienzeit und gaaaanz viel Liebe.

Fazit. Ich gebe diesem Jahr eine neun. Der ganze Stress rund um meine Mutter hätte nicht sein brauchen, aber ansonsten war es ein gutes Jahr. Ich bin dankbar für einen tollen Ehemann, zwei wundervolle Kinder und dass wir alle gesund sind. Ich war dankbar nicht zu meinem alten Arbeitgeber zurück zu müssen und dass mein neuer Job und die neuen Kollegen so toll sind. So kann es weiter gehen. Bittedanke.

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Das unsichtbare Band

Vor 10 Jahren bin ich freudestrahlend von zu Hause ausgezogen. Endlich weg von meiner Mutter. Endlich frei. Wir hatten noch nie ein gutes Verhältnis und nachdem mein Vater gestorben war, wurde es nicht besser. Sie machte deutliche Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir. Schrie und schlug. Wollte und konnte nicht akzeptieren, dass ich auch älter wurde und eine eigene Meinung hatte. Dass ich ihn manchen Dingen mehr ‚Lebenserfahrung‘ aufwies als sie, eben weil ich nicht im Sozialismus aufgewachsen bin.

Es gab eine Zeit, da war ich mir sicher, adoptiert worden zu sein. Dass mein Vater mein leiblicher Vater war, daran zweifelte ich nie. Aber dass meine Mutter mich geboren haben soll – niemals. Selbst als ich meine Abstammungsurkunde für meine Hochzeit in den Händen hielt, dachte ich noch, dass das so nicht stimmen kann. Denn da stand, dass sie eben doch meine leibliche Mutter ist.

Ich weiß nicht, wie oft mich diese Frau zum Weinen brachte. Durch die Tracht Prügel mit der Jeans, weil ich eine 4 in Deutsch nach Hause brachte. Die Schläge auf den Hinterkopf, weil ich nicht lesen konnte (ich lernte es gerade erst). Oder durch Vorwürfe, die sie mir ins Gesicht brüllte. Das alles zerstörte Stück für Stück dieses unsichtbare Band, welches es zwischen Kindern und ihren Eltern gibt. Das alles führte dazu, dass ich mehr als einmal den Kontakt abbrechen wollte, um mein Leben in Ruhe und Zufriedenheit weiter leben zu können. Ich war mehr als einmal fertig mit dieser Frau. Dachte ich.

Vor zwei Wochen haben wir ihr einen Besuch abgestattet und gesehen, dass es ihr nicht gut ging. Die Jahre der Krankheit fordern ihren Tribut und zehren an ihr. Sie hatte Schmerzen, das sah man ihr deutlich an. Kurz nach unserer Abreise kam sie ins Krankenhaus und da ist sie noch immer. Und plötzlich ist es mir doch nicht mehr so egal, was mit ihr ist. Die Stimme im Hinterkopf flüstert „Was soll nur werden?“ und „Sie ist deine Mutter.“

Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen diese Eltern-Kind-Bindung hat. Und dass auch nach 30 Jahren, in denen ich mir so sicher war, dass da nichts mehr ist, sich noch irgendwas in mir regt, wenn es ihr so schlecht geht. Nun wünsche ich mir, dass es auch wieder andere Momente geben wird. Momente, in denen wir uns anschreien. Streiten. Und einer wutentbrannt das Zimmer verlässt. Denn sie ist nun mal meine Mutter.