Stillstand

Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie sich trauen werden. Sie und ihr Verlobter, also bis vor ein paar Stunden kannte ich ihn noch unter dem Synoym „Freund“. Sie berichtet vom Antrag, der romantsicher hätte nicht sein können. Von Plänen, die gemacht werden. Von Einladungen, die entworfen werden. Von Vorbereitungen, die irgendwie schon in vollem Gange sind.

Ich sitze ihr gegenüber. Tränen steigen in mir auf, werden aber unterdrückt. Ich lächle sie an. Freue mich ungemein für sie. Aber dennoch kann ich es nicht zeigen. Nicht, weil ich es ihr nicht gönne. Ich bin froh, dass sie ihren Weg gefunden hat. Sie hat ihre kleine Familie und die Hochzeit macht es perfekt. Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter streiten sich, weil ich seit zwanzig Minuten nur dasitzen kann und gerade mal ein: „Schön!“ herausbringe. Das ist nicht gut. Das – liebe Christine – ist keine Freundschaft!! Freu dich gefälligst. Und zeig es ihr.

Aber ich kann nicht. Eine Woche bin ich jetzt hier in meinem Elternhaus und irgendwie fühl ich mich wieder in meine Jugend zurück versetzt. So, als wär ich immer noch 17. Und mein Leben ist seit dem stehen geblieben. Hier haben alle etwas geschafft: Kinder, Studium, stecken in der Abschlussarbeit, Freund. Und ich? Ja ich schaffe es ja nicht mal einen Freund zu finden… Ich will jetzt nicht in Selbstmitleid aufgehen. Ich bin kein Mensch, der nicht allein sein kann oder sich über einen anderen Menschen definiert. Ich komme sehr gut allein zurecht – und je länger es dauert, je mehr gewöhn ich mich daran.

In meinem eigentlichen Leben, in der Nähe von Darmstadt, da ist das nicht so. Da geh ich auch viel mit Paaren weg, aber überflüssig oder gar minderwertig fühl ich mich da nie. Da ist mir bewußt, dass ich etwas geschafft habe. Das ich seit gestern in der Diplomphase stecke und stolz darauf sein kann. Aber hier, wo all die lieben Menschen mit denen ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, einen Lieblingsmenschen haben, da komm ich mir einsam und einzeln vor. Hier bin ich nur die, die so weit weg von zu Hause ist. Und nichts macht, außer ausgelassen zu feiern.

Und langsam wird mir klar: Um mich herum wird geheiratet, übers zusammenziehen redet, Kinder geboren. Und ich bin immer noch ich – die nichts weiter geschafft hat, als sich 400km weit weg von zu Hause ein Leben aufzubauen. Ein eigenes Leben. Die ihre Probleme alleine lösen muss – und sich einfach nur jemanden wünscht, der Freitagabend mit ihr Gilmore Girls guckt. Und bis dieser jemand nicht da ist gehe ich weiter solo auf Hochzeiten, mit Pärchen essen oder auf Taufen… und am Wochenende ausgelassen feieren, um mir für einen Abend einzureden, dass solo sein viel, viel besser ist, als sich über einen anderen Menschen definieren zu müssen.

7 thoughts on “Stillstand

  1. Ich kenne das Gefühl nur zu gut, immer die zu sein, die Single ist und alle nur die tollen Ratschläge für einen parat haben, wie man den Mann, den man sich wünscht, doch finden kann… aber das ist nicht alles im Leben. Du kannst verdammt nochmal sehr stolz auf das sein, was du erreicht hast und noch erreichen wirst. Und wir kennen uns nun schon so viele Jahre und ich finde du hast dich unglaublich weiter entwickelt und ich bin sehr stolz dich als Freundin zu haben. Du bist keineswegs stehen geblieben, auch wenn es dir vielleicht so vor kommt, im Gegenteil.

  2. Ja wir hatten ja schon Vermutungen angestellt, was das Geheimnis sein könnte. Ich kann auch nachvollziehen, das man selber in so einem Moment darüber nachdenkt, an welchem Punkt man selber steht und was man im Vergleich bisher erreicht hat.
    Aber glaube mit,du kannst locker mit allen mithalten und mal ehrlich, möchstest du momentan tauschen oder genießt du dein Leben nicht in vollen Zügen?
    Für mich wären Kind, Heirat, Familie jetzt noch nichts, dafür fühle ich mich noch nicht reif genug…

  3. ach tine, man kann im leben erreichen, was man will, die einsamkeit und der wunsch nach einer schulter zum anlehnen wirft einen immer wieder ein bisschen zurück. mir geht es doch ähnlich. da hilft es auch nichts, dass wohnung, job und kinder da sind. für die vollständigkeit fehlt einfach etwas. aber irgendwann wird sich das ändern. bei mir und bei Ihnen auch. kopf hoch.

  4. danke, emily. ich weiß ja, wie das ist. und auf der anderen seite frage ich mich, warum. ein mann macht mich – und auch sie – doch nicht besser, als wir es eh schon sind. verzwickt. echt verzwickt.

  5. besser macht ein mann uns natürlich nicht, aber eben vollständiger. manchmal möchte man einfach jemanden haben, mit dem man sich über etwas freuen kann oder der auch mal die gewitterwolken im kopf wegpustet. freunde sind gut und hilfreich, ein partner gibt trotzdem mehr halt.
    mir wurde schon oft gesagt, dass ich auf die männer einen zu starken und selbständigen eindruck mache. da würden sie kalte füße kriegen und sich in ihrer rolle des beschützers und familienoberhauptes bedroht fühlen. kann sein, dass da was dran ist. aber sich deswegen ändern? niemals. vielleicht ist das bei Ihnen ja auch einer der gründe, weshalb es den richtigen nicht zu geben scheint.

  6. diesen grund kann ich gut nachvollziehen… das denke ich mir nämlich auch oft, wenn ich einen neuen mann kennenlerne. ein weiteres problem bei mir ist aber eindeutig auch, dass ich zu wählerisch bin. mea culpa!
    sie haben aber auch mit dem aspekt „vollständiger fühlen“ vollkommen recht. aber wenn ER nunmal nicht kommen will. was soll man machen?! 😉

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