Keine Ewigkeit

Wahrscheinlich fand ich dich, als wir uns das erste Mal trafen, nur interessant, weil du mich so hervorragend ignoriert hat. Wir Frauen stehen ja im Allgemeinen auf solche Typen: Arrogant und voll Macho. Aber eigentlich war das nicht schlimm, die Vorstellung verkuppelt zu werden war mir eh zuwider.

Als ich dir – mit dem Mut von zwei Tassen Glühwein – schrieb, hoffte ich auf eine Antwort. Diese kam nicht – aber ich überlebte es. Jemand, der mir beim ersten Treffen nur kryptisch antwortet, der hat halt kein Interesse, mir zu schreiben. Es war okay. Ehrlich.

Unser nächstes Treffen ein dreiviertel Jahr später verlief dann so ganz anders, als ich es erwartete. Das kann an der Liebe liegen, die bei einer Hochzeit naturgemäß in der Luft schwebt. Oder eben doch an uns. An dir und an mir. Ein uns gab es ab diesem Tag nämlich. Erst ganz leise und sanft. Dann etwas lauter. Und als ich das erste Mal neben dir aufwachte, da war es irgendwie klar. Das war vor sechs Monaten.

Seit dem habe ich dieses wohlige Gefühl in mir, wenn ich an dich denke. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, wir würden uns schon immer kennen – obwohl zwei Zwillinge, die am gleichen Tag geboren wurden wohl unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber immer, wenn ich dich etwas anstubbsen muss, dann merke ich auch, dass du mich im richtigen Moment zurück hältst. Nicht, um mich zu bremsen. Aber um mich wieder auf den Boden zurück zu holen. Mich nachdenken zu lassen. Du gibst mir die Freiheit, die ich so brauche. Und nimmst sie mir, wenn ich zur Ruhe kommen muss.

Am Anfang fand ich die Zeit, die wir nicht zusammen verbringen konnten, unerträglich. Und obwohl sich in dieser Beziehung nicht viel geändert hat, hat sich in unserer Beziehung soviel geändert. Soviel, dass es heute nicht mehr das Ende der Welt ist, wenn ich wieder in den Zug steige. Weil ich weiß, dass es nur vier Nächte sind bis du wieder neben mir liegst. Bis du mir  „Ich liebe dich“ ins Ohr flüsterst, wenn du denkst, dass ich schon schlafe. Bis du wieder mit mir und manchmal auch über mich lachst. Und weil ich weiß, dass ich nie wirklich gehe. Und ein Teil von dir mit mir kommt.

Seit ich dich kenne frage ich mich manchmal, ob ich noch die Gleiche bin. Früher belächelte ich Paare, die nicht eine Minute getrennt sein konnten, die sich übereinander definieren müssen. Heute bin ich immer noch eine eigenständige Person, aber das Wochenende will ich gar mehr nicht ohne dich verbringen. Früher bin ich leidenschaftlich gern tanzen, feiern gegangen. Heute tu ich das auch noch – aber mit dir lange nicht so exessiv. Früher habe ich immer auf den Einen gewartet – heute glaube ich, nicht mehr warten zu müssen.

Sechs Monate sind keine Ewigkeit. Bei weitem nicht. Aber sie könnten eine werden.

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