Just my 2 Cents

Die ganze Nacht grübelte ich darüber, ob ich diesen Bericht schreiben soll oder nicht. Und jetzt, da das Osterkind ihr Nickerchen hält, muss ich es doch tun. Weil es mich sonst noch weiter beschäftigt und es immer noch in meiner Mama-Timeline bei Twitter aufploppt.

Gestern wurde bei Facebook von Susanne Mierau von „Geborgen Wachsen“ ein Link zu dem Buchprojekt „Selbstgeboren“ geteilt. Eine Hebamme möchte Geburtsberichte in einem Buch zusammen fassen, um Schwangeren oder Müttern-to-be Mut für eine spontane und selbstbestimmte Geburt zu machen. Im Prinzip ist das eine sehr schöne Idee. Jedoch hat die Gute ihre Worte sehr unglücklich gewählt und sucht nur Frauen, die eine vollkommen interventionslose Geburt hinter sich gebracht haben. Kein Kaiserschnitt, keine medizinischen Hilfsmittel, kein Krankenkaus, kein Arzt, am besten nur eine Scheune und eine zur Heilpraktikerin ausgebildete Hebamme, die anschließend mit dem nackten Kind ums Feuer tanzt und die Plazenta an die Kühe und Schweine verfüttert. Oder so.

Das alles erhitzt nun die Gemüter. Weil es eben viele, viele Frauen ausschließt, die eben medizinische Hilfe brauchten oder auch wollten. Die aber trotzdem ein Kind geboren haben. Und sich nun – zu recht – herabgesetzt fühlen.

Wenn man die strenge Definition der Buch-Initiatorin zu Grunde legt, habe ich meine beiden Kinder nicht selbst geboren. Und im Grunde, sehe ich das auch so. Sowohl beim Prinz als auch beim Osterkind fühlte ich mich noch nicht „bereit“. Die Kinder entschieden, wann sie meinen Bauch verließen, was dann kam lief mehr oder weniger automatisch.

Doch von Anfang. Die Geburt des Prinzen war eine Operation. Ein Kaiserschnitt. Kein Not-Kaiserschnitt, aber er war sehr eilig. Ich habe diese Geburt nicht selbstbestimmt. Ich habe allerdings den Blasensprung, der der Sache fünf Wochen voran ging, auch nicht selbst bestimmt. Hätte ich auch nur ein Wörtchen mitzureden gehabt, wäre das Kind bis mindestens 40+0 SSW in meinem Bauch geblieben. Und nicht 85 Tage oder 12+1 Wochen oder drei Monate zu früh zur Welt gekommen. Aber mich hat da keiner gefragt. Und da kann kein Arzt etwas dafür. Das war die Natur, das Schicksal oder vielleicht auch der Prinz, der es einfach nicht in meinem Bauch aushalten wollte. Wer weiß das schon. Eine selbstbestimmte Geburt schloss ich also ab dem Zeitpunkt des Blasensprungs aus. Weil eine selbstbestimmte Geburt das Leben meines Sohnes noch mehr gefährtet hätte, als es eh schon war. Und ehrlich? Ich bin dankbar für die Möglichkeit, sich den Bauch aufschneiden und das Kind „holen“ zu lassen. Ich bin dankbar für Antibiotika, zentrale Venenkatheder, eine externe Beatmung. Alles das – die moderne Medizin – hat meinem Sohn das Leben gerettet.

Beim Osterkind wollte ich deshalb alles „allein“ machen. Ich wollte es einmal „richtig“ machen. Nachdem ich beim Prinz schwangerschafts- und geburtstechnisch nun mal auf ganzer Linie versagt hatte, sollte das Osterkind termingerecht und spontan zur Welt kommen. DAS allerdings war gar nicht so leicht durchzusetzen. Während meine Gyn und meine Hebamme mich in dem Wunsch nach einer „normalen“ Geburt bestärkten, erzählte mir der Doc im Krankenhaus beim Vorgespräch, ich solle doch lieber einen Kaiserschnitt machen. Minimiertes Risiko und so. Es könnte ja die Naht vom ersten Kaiserschnitt reißen. Blabla. Ich hatte aufgrund meiner Vorgeschichte eine „Risikoschwangerschaft“ und wurde engmaschig durch meine Hebamme und meine Gyn „überwacht“. Das alles nervte mich manchmal sehr, hatte ich beim Prinz doch gesehen: Wenn es passiert, dann passierts eben. Da kann keiner was vorher sehen und im Nachhinein auch nicht viel machen. Ich versuchte alle fiesen Gedanken an einen vorzeitigen Blasensprung wegzuschieben und wünschte mir diesmal so sehr wenigstens meinem zweiten Kind, einen „natürlichen“ Weg in diese Welt zu ermöglichen. Aber alles, was ich zu hören bekam (auch von meiner Hebamme) war, dass ich mir eine Hausgeburt abschminken kann, weil keiner das Risiko tragen wöllte. Und dann dieser schreckliche Arzt im Kh, der den Zeit- und Kostenfaktor sah und mir „einen Kaiserschnitt ans Herz legte“. Boah, der macht mich heute noch latent aggressiv. Denn, ganz ehrlich, hätte ich den ersten Kaiserschnitt nicht so schrecklich und (danach) schmerzhaft in Erinnerung, ich hätte mich vielleicht drauf eingelassen… Das Osterkind kam spontan, in einem Krankenhaus und ich meine mich dunkel an eine Gabe eines leichten Muskelentspannungsmedikaments zu erinnern, zur Welt. Und laut Definition wurde auch sie nicht selbstgeboren. So what?

Wenn ich dieses Buch schreiben würde, würde ich jede Geburtsgeschichte erwähnen. Weil auch Kaiserschnitte Mut machen können. Weil die Geschichten von anstrengenden Geburten, die nur durch medizinische Hilfe „gut“ ausgehen, die Mütter bei einer zweiten, dritten Geburt darin bestärken, nochmal einen anderen Weg zu wählen. Weil ich mir im Nachhinein oft wünsche, ich hätte von Anfang an auch die andere Seite gesehen. Es kann immer alles passieren, nur hört man von der „schwierigen“ Seite immer nur in absoluten Ausnahmen oder Horrorszenarien. Warum also nicht ein Buch, welches die Wahrheit – mit all ihren Facetten – verdeutlicht. Das Leben ist kein Ponyhof und Geburten sind es auch nicht. Aber hier ist der Weg doch völlig egal. Das Ergebnis – nämlich das Kind – zählt. [Und ich schreibe bewusst nicht „ein gesundes Kind“.]

Und wer weiß, vielleicht gibt es für mich noch ein drittes Kind und ich finde eine Hebamme, die das „Risiko“ eingeht und mich bei einer Geburt im Stall begleitet? Die danach mit dem Kind ums Feuer tanzt und die Plazenta an die Tiere verfüttert?

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