Der große Prinz

Gestern hatten wir Familienbesuch. Meine Schwester, meine Nichte und meine Großnichte (also die Tochter meiner Nichte), waren zu Kaffee und Kuchen angereist. Es war ein gar zauberhafter Nachmittag. Die Kinder spielten in seliger Ruh (das Osterkind ist ja auch nur 3 Tage jünger als meine Großnichte) und wir verlebten einen schönen Tag.

Als die Kinder dann müde und deshalb auch weinerlich wurden, nahte der Abschied. Meine Schwester und Nichte packten ihre Sachen und verabschiedeten sich von uns, als der Prinz plötzlich verkündete, er wolle mit fahren. Auf die Frage, ob er denn lieber bei Tante K. schlafen will, kam ein deutliches „Ja“. Ich packte also ein paar Sachen in seinen Kindergartenrucksack und fragte beim Schuhe anziehen noch 30 mal nach. Ja, unser Sohn hatte die Absicht heute Nacht außer Haus zu schlafen. 80 km entfernt. Ohne Mama und Papa.

Da wir dem Braten zuerst nicht trauten, gingen meine Schwester und Nichte mit den Kindern erst einmal allein zum Auto. Wir verabschiedeten uns an der Haustür und schlossen diese dann. Daraufhin brüllte das Osterkind – wie kann es sein, dass ihr Bruder einfach ohne uns die Wohnung verlässt?! Wir verzogen uns ans Küchenfenster, aber der Prinz war immer noch Feuer und Flamme. Er wollte mit! Also gingen wir runter und bauten seinen Kindersitz um. Und zack fuhren sie auch schon davon. Und wir blieben mit dem Osterkind zurück.

So richtig konnte es der Hauptfreund und ich nicht glauben. Vor allem er war gar nicht begeistert. Der Prinz sei noch zu klein, um ohne uns irgendwo zu übernachten. Das geht so nicht! Auch mein Herz wusste nicht so recht, für welche Gefühle es sich entscheiden soll: Vermissen oder Stolz?! Ich entschied mich für Stolz. Mein großer Sohn hatte eine Entscheidung getroffen und ich gönnte ihm den Spaß bei Tante K. und Cousin P. Er liebt beide sehr – also warum sollen wir ihn abhalten, dort zu übernachten? Nur weil seine übervorsichtigen Helikoptereltern noch nicht so weit sind? Der Prinz verbrachte schon ganze 70 Nächte ohne uns. Gut, nicht ganz freiwillig und auch nicht so weit weg. Aber er wird groß und das ist nun eben Nacht 71 ohne uns. Er wird selbstständig und wir müssen ihm auch mal was zutrauen.

Der Mann und ich tigerten jedenfalls gestern Abend um unsere Handys. Freuten uns über jedes Bild, welches noch schnell über WA geschickt wurde. Sagten am Telefon „Gute Nacht!“ und schliefen so mittel-gut. 😉

Heute Morgen am Telefon war das Papa-Vermissen auf der prinz’schen Seite dann aber doch sehr groß. Wir fuhren also direkt nach dem Frühstück los, unseren „verlorenen Sohn“ zu holen. So drückte es immer mein Papa aus, wenn ich nach einer Übernachtung bei einer Freundin nach Hause kam. Dann wusste ich, ich bin zu Hause, bei Menschen, die mich lieben und vermissen. Aber auch bei Menschen, die mich ziehen lassen, um selbstständig zu werden. Und genau das soll unser Heim für meine Kinder sein: Die Homebase. Der Platz, an den sie immer wieder zurück kommen und Zuflucht finden können. Der Platz, von dem sie ausziehen, die Welt zu erkunden. Und genau das fängt eben jetzt an.

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