Das unsichtbare Band

Vor 10 Jahren bin ich freudestrahlend von zu Hause ausgezogen. Endlich weg von meiner Mutter. Endlich frei. Wir hatten noch nie ein gutes Verhältnis und nachdem mein Vater gestorben war, wurde es nicht besser. Sie machte deutliche Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir. Schrie und schlug. Wollte und konnte nicht akzeptieren, dass ich auch älter wurde und eine eigene Meinung hatte. Dass ich ihn manchen Dingen mehr ‚Lebenserfahrung‘ aufwies als sie, eben weil ich nicht im Sozialismus aufgewachsen bin.

Es gab eine Zeit, da war ich mir sicher, adoptiert worden zu sein. Dass mein Vater mein leiblicher Vater war, daran zweifelte ich nie. Aber dass meine Mutter mich geboren haben soll – niemals. Selbst als ich meine Abstammungsurkunde für meine Hochzeit in den Händen hielt, dachte ich noch, dass das so nicht stimmen kann. Denn da stand, dass sie eben doch meine leibliche Mutter ist.

Ich weiß nicht, wie oft mich diese Frau zum Weinen brachte. Durch die Tracht Prügel mit der Jeans, weil ich eine 4 in Deutsch nach Hause brachte. Die Schläge auf den Hinterkopf, weil ich nicht lesen konnte (ich lernte es gerade erst). Oder durch Vorwürfe, die sie mir ins Gesicht brüllte. Das alles zerstörte Stück für Stück dieses unsichtbare Band, welches es zwischen Kindern und ihren Eltern gibt. Das alles führte dazu, dass ich mehr als einmal den Kontakt abbrechen wollte, um mein Leben in Ruhe und Zufriedenheit weiter leben zu können. Ich war mehr als einmal fertig mit dieser Frau. Dachte ich.

Vor zwei Wochen haben wir ihr einen Besuch abgestattet und gesehen, dass es ihr nicht gut ging. Die Jahre der Krankheit fordern ihren Tribut und zehren an ihr. Sie hatte Schmerzen, das sah man ihr deutlich an. Kurz nach unserer Abreise kam sie ins Krankenhaus und da ist sie noch immer. Und plötzlich ist es mir doch nicht mehr so egal, was mit ihr ist. Die Stimme im Hinterkopf flüstert „Was soll nur werden?“ und „Sie ist deine Mutter.“

Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen diese Eltern-Kind-Bindung hat. Und dass auch nach 30 Jahren, in denen ich mir so sicher war, dass da nichts mehr ist, sich noch irgendwas in mir regt, wenn es ihr so schlecht geht. Nun wünsche ich mir, dass es auch wieder andere Momente geben wird. Momente, in denen wir uns anschreien. Streiten. Und einer wutentbrannt das Zimmer verlässt. Denn sie ist nun mal meine Mutter.

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