Dreh’n!

Es ist nicht so, als hätte es mich eiskalt erwischt. Schließlich habe ich in einschlägigen Elternblogs davon gelesen, dass vierjährige Kinder teils krassere Wutausbrüche bekommen können, als man es von den „terrible two“ gewohnt wäre. Aber es hat mich dann doch überrascht, als der Prinz kurz vor seinem 4. Geburtstag das erste Mal völlig ausrastete. Wegen einer Kleinigkeit. Einmal über die Linie gemalt – „Rabäääähhh“. Der Strich wurde schief, weil er das Lineal nicht festhielt – „Rabääähhh“. Der Becher rutscht aus der Hand und das Wasser landet auf dem Tisch und zum Teil auf der Hose – „Rabääähhhh“. Es ist nicht leicht 4 zu sein. Es ist aber auch nicht leicht mit einem Vierjährigen zusammen zu wohnen.

Auch heute war die Stimmung mies. Hunger und die Anspannung der Woche leisteten ihren Beitrag und so wurde das Tischdecken (durch die Eltern) durch Geschrei (des Sohnes) begleitet. Irgendwann saßen wir dann doch an unseren Plätzen und wollten essen.

Prinz: „Rabääähhh“.

Ich: „Was ist denn, Schatz?“

Prinz: „Rabääähhh.“

Da von unserer Seite kein Grund für diesen erneuten Wutausbruch zu erkennen war, kehrten wir unser vollstes Verständnis hervor und fragten nach, was er denn wolle. Wir versuchten zu erraten, was er uns mit seinem Geschrei sagen will, ja verfielen gar in dieses Elterntheater, in dem man dem Kind einfach wahllos Dinge anbietet, die sich in der Himmelsrichtung befinden in die er wütende Zwerg zeigt. Irgendwann resignierte ich. Ich erklärte ihm, dass er kein Baby mehr sei und mit uns sprechen muss, wenn er etwas bestimmtes will. Ich hätte so ein Theater früher nicht gemacht und würde bei einem Vierjährigen nicht damit anfangen. Das half zumindest ein bisschen, denn der Prinz beruhigte sich zum Großteil und war dann auch bereit das Abendessen auf meinem Schoß zu sich zu nehmen. Ich durfte ihm sein Brot schmieren und wir kuschelten uns ein bisschen an einander. Im Grunde kann ich es ja verstehen: Es war eine harte Woche, er hatte Hunger, da werde ich auch schnell zum Hulk.

Aber kaum war die Butter auf dem Brot ging das Geschrei von vorn los. Nur dass wir diesmal ansatzweise etwas verstehen konnten.

Prinz: „Dreh’n!“

Ich: „Was soll ich drehen? Das Brot? Soll ich es zusammenklappen?“

Prinz: „Naaaaiiiinn!!! Dreh’n!“

Der Mann und ich rätselten eine Weile, drehten so ziemlich jedes Lebensmittel auf dem Tisch einmal um, wussten wirklich nicht mehr ein oder aus. Und dann zeigte der Prinz in sein Gesicht, an seine Augen und mir wurde klar, dass er nicht „Dreh’n“ sondern „Tränen“ meinte. Er hasst es, Wasser an den Händen oder im Gesicht zu haben. Und Tränen gehören dazu. Ich wischte ihm also die Tränen aus dem Gesicht und hatte fortan den schnuffeligsten kleinen Jungen der Welt auf dem Schoß. Denn zum Glück gehen die Wutausbrüche so schnell, wie sie kommen.

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